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KULTUR / BILDUNGSPOLITIK

>> Bildung nach Pisa: Der Leiter einer rheinischen Gesamtschule nimmt Stellung

Reportage - 1/2003
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Bildung nach dem Bildungs-Desaster

EUROPA-SCHULE BORNHEIM NIMMT STELLUNG ZUR PISA-STUDIE

“Kein Heitschi-bum-beitschi,
aber Schule mit Herz”

Klaus Breil, Leiter der Europa-Schule in Bornheim (Rheinland) träte jeder Kritik entgegen, an seiner Gesamtschule werde „Heitschi-bum-beitschi-Pädagogik“ betrieben: „Wir leben nicht auf einer Insel. Wettbewerb, beruflicher Konkurrenzkampf, das ist Faktenlage des Lebens.“ Chancengleichheit?

Klaus Breil ist Leiter der Europaschule Bornheim - und Mann mit lokalpolitischen Ambitionen: Er kandidiert für das Bürgermeisteramt der rheinischen Stadt Bornheim.

Breil mag nicht davon sprechen. Eher von Chancengerechtigkeit, jedem aufgrund seiner Talente ganzheitlich die gleichen Möglichkeiten zu bieten, jeden zu fördern und zu fordern. Gott messe nicht den Kopf mit dem Maßband, er messe die Herzen. Das möchten er und sein Kollegium an die Schüler vermitteln.

„Die meisten Gymnasien haben nur 30 Wochenstunden zur Verfügung. Wir haben 34, plus eine Stunde Mittagspause.“ Die Europaschule Bornheim ist eine Ganztagsschule, mit zugehöriger Mensa. In Finnland und Schweden gehöre das zum Regelfall. Auch dort ist die Familiensituation „Mutter wartet mit dem Essen zuhause“  kaum mehr anzutreffen.


SCHÜLER PLANEN IHRE LAUFBAHN

An der Europaschule gibt es eine „Fachleistungsdifferenzierung“: In den Klassen fünf bis acht bleibt niemand sitzen. In dieser Phase geht es für die Schüler darum, spezifische Stärken zu erkennen. Und die Lehrer erarbeiten mit jedem Schüler Zielpläne: Wo stehe ich jetzt? Wo möchte ich hin? In welcher Zeit möchte ich das gesteckte Ziel erreichen? Was muss ich dafür leisten?

Die Informationen werden auf einem „Schülerlaufbahnbogen“ festgehalten. In halbjährlichen Besprechungen wird gemeinsam überprüft, ob der Schüler die  formulierten Leistungen in die Tat umsetzen konnte. Für das Fach Informatik lautet das Ziel zum Beispiel: Führerschein für Computer und Internet. In den Klassen 5 und 6 steht die Textverarbeitung Word auf dem Programm, in Klasse 8 die Tabellenkalkulation am Beispiel von Excel.

Das Lernen in der Gruppe, neudeutsch Team, spielt in der Europaschule eine große Rolle. „Erwerb von Sozialkompetenz“ nennt man das im Pädagogen-Deutsch. Aus Sicht der Wirtschaftsverbände ist es eine Anpassung an die Bedürfnisse des modernen Arbeitsmarktes.

Wenn die Schule „Europa“ im Namen trägt, spiegelt sich das durch vielfältige, aber nicht durch überrepräsentierte Volksgruppen. Neben Englisch, Französisch und Latein wurde Spanisch als zusätzliche Fremdsprache eingeführt. Im Angebot sind Arbeitsgemeinschaften in den Sprachen Polnisch und Russisch. Zum Europa-Anspruch der Bornheimer gehört aber auch, so etwas wie „negative Formen der Amtsautorität“ wahrzunehmen. Breil: „Zum Beispiel, wenn ein Polizeibeamter in seiner Freizeit dienstlich auftritt.“

Europäische Integration solle dazu führen, den Wert des jeweils anderen zu schätzen. „Wer Maya in Spanien erlebt, wer Jeffrey in Großbritannien kennt oder Kemal in Ankara besucht, der ist gefeit gegen ideologische Stigmatisierung und Aufhetzerei.“ Mit ihren Schüleraustauschprogrammen leiste die Europaschule einen Beitrag zur Friedenspolitik.

Die Europaschule, Gesamtschule der rheinischen Vorgebirgsstadt Bornheim (oben) hat Konkurrenz bekommen: Das Alexander-von-Humboldt-Gymnasium (Bild unten)

DENKEN, FÜHLEN UND HANDELN

Und Pisa, das Bildungs-Desaster der Deutschen? An der Europaschule war man nicht überrascht. Das Humboldtsche Bildungsideal hält man dort für überzogen. Im jetzigen deutschen Bildungssystem müssen die Schulen immer noch einen festen Fächer-Katalog abarbeiten, dürfen sich nicht einmal fragen: Hat das Ganze überhaupt Handlungsrelevanz für die Schüler? Zwar heißt es so schön:
Non scholae, sed vitae discimus – Nicht für die Schule, sondern fürs Leben lernen wir. Aber das stimme an deutschen Schulen einfach noch nicht, dass man fürs Leben lernt.

Hat es programmatischen Charakter, wenn sich die seit kurzem in Bornheim hinzugekommene Konkurrenz, das Humboldt-Gymnasium, nicht mit dem Namen des Sprachdenkers Wilhelm von Humboldt, sondern mit dessen Bruder Alexander schmückt?

Da steht die Aura des naturwissenschaftlichen Abenteurers gegen den „spröden Intellektuellen“. Zu Recht? - Schon Karl Popper, ein bis in die höchsten Wirtschaftskreise geachteter Philosoph, konnte die „toughen“, wirtschaftsrelevanten Naturwissenschaften sinnreich auf den Boden der Bescheidenheit zurückpfeifen: Wahrheiten gelten so lange, bis sie widerlegt werden.

Breil bezeichnet das Humboldt-Gymnasium mittlerweile nicht mehr als direkte Konkurrenz. Eher sei es eine „Addition“. Die zweite weiterführende Schule mit dem etwas konservativeren Bildungsanspruch, sie ist in Bornheim Fakt geworden. „Als die Europaschule 1989 eröffnet wurde, hatte Bornheim 37.000 Einwohner. Heute sind es 50.000.  Die Schüler, die bislang nach Bonn oder nach Brühl gingen, die haben jetzt ein Angebot direkt in Bornheim. Europaschule und Humboldt-Gymnasium können sich da fruchtbar ergänzen.“ Man meint sich auch an ganz andere Töne erinnern zu können.

Erleichternd findet Breil, dass es neben den Richtlinien des Landes schulinterne Lehrpläne gibt, zur konkreteren Ausgestaltung des Lernstoffs. Das Leben bestehe nicht allein aus den kognitiven Fähigkeiten. Und so werden an der Europaschule die kognitiven Qualifikationen nicht über die manuell-handwerklichen gestellt. Das hat auch mit dem Integrationsgedanken der Gesamtschule zu tun. Das Hauptziel heißt nicht Selektion, sondern Integrieren und Fördern, ganz nach altbekannten Prinzipen von Maria Montessori: Lernen mit Kopf, Herz und Hand – Verstand und Gefühl für eine praktische Umsetzung des Gelernten. Emotionalität in den Lernprozess einzubeziehen, ist keineswegs Schmökes. Dass besser und schneller lernt, wer Lerninhalte mit positiven Gefühlen verknüpft, das gehört seit langem zum Kenntnisstand über die Lern-Physiologie des Gehirns.

Mit dem Konzept der Europaschule hatte man großes Glück. Bevor das Humboldt-Gymnasium eröffnet wurde, gab es in unmittelbarer Nähe keine konkurrierenden Schulen. In anderen Städten des Umlands seien durchaus die „Creaming-Effekte“ sichtbar geworden: Die Gymnasien schöpften die leistungsstärkeren Schüler ab wie die Sahne von der Milch. Umgekehrt in Bornheim: Da kamen auch Schulanmeldungen aus Swisthal, Heimerzheim, Weilerswist. Aus dem Süden steuerten Alfter und Bonn Schüler bei. So wurden mehr Anmeldungswünsche vorgetragen als Schulplätze bereitgestellt werden konnten. – Ob das nun so bleibt, wird sich zeigen.

Breil ist zuversichtlich. „Offenbar ist der Gedanke rüber gekommen, dass wir an unserer Schule ein Spiegelbild der Gesamtgesellschaft darstellen wollen. Anstatt soziale Gruppen von vorneherein gegeneinander zu separieren, kontert die Europaschule mit dem Prinzip „Fordern und Fördern“. Gefordert werden die leistungsstärkeren Schüler, etwa durch Angebote zu bilingualem Unterricht. Fächer wie Erdkunde, Geschichte, Biologie werden dabei in englischer Sprache unterrichtet. Dazu wurden gezielt Lehrer mit geeigneten Fächer-Kombinationen eingestellt, etwa Erdkunde plus Englisch. – Den leistungsschwächeren Schülern, häufig aus kritischerem sozialem Millieu, kommt das Förder-Prinzip zu gute: gezielte Hilfsangebote zum Ausgleich bestehender Lernschwächen.


KENNER GEGEN KÖNNER: DIE EINEN WISSEN; DIE ANDEREN HANDELN

An Berufsschulen wird seit einigen Jahren das Lern-Konzept der „Handlungsorientierung“ vermittelt. Wirtschaftsbetriebliche Abläufe werden hierbei bewusst aufgegriffen und vom Planen bis zum Durchführen konkreter Aufgaben durchgespielt. Vertreter des allumfassenden Humboldtschen Bildungsideals werfen diesem Konzept bisweilen vor, hier stutze man junge Menschen auf die Bedürfnisse der Wirtschaft zurecht. Hinter dem pädagogischen Anspruch stünden die Interessensvertreter von Handel und Industrie. Es dürfe aber nicht sein, dass ein durch  Steuern finanziertes Schulsystem den Wirtschaftsverbänden das „passende Menschenmaterial“ frei Haus in die Betriebe liefere. Auch ein Slogan fällt dazu ein: „Kosten sozialisieren, Gewinne privatisieren.“

Gegen solche Einwände steht die Frage: Wie nützlich kann es für einen Menschen sein, zweckfrei ein riesiges Wissen zu häufen? Günther Jauchs „Wer wird Millionär?“ wurde zum Quotenschlager der TV-Branche. Niemand hätte damit gerechnet, dass es ausgerechnet ein Uralt-Format aus den Siebziger Jahren, Wim Toelkes „Der große Preis“, noch einmal zu Ruhm und Ehren bringt. In solchen Shows ist Wissen gefragt, nicht Handlungsfähigkeit. Die Abfrage des Wissens funktioniert ausschließlich durch den Lockreiz des großen Geldes. Sobald die Quoteneinbußen bei Jauchs Quizshow offensichtlich werden, steht wiederum die Frage im Raum: Wozu dient zweckfreies Wissen, außer zur sozialen Abschottung?

Muss eine allgemeinbildende Schule heute für die Bedürfnisse des Arbeitsmarktes erziehen - oder sozial verantwortliche Individuen formen? Breil will beides. „Der Blick auf die Bedürfnisse der Gesamtgesellschaft darf dabei nicht verloren gehen. Um eine Metapher zu verwenden: Wer Sonnenbrillen für Schmetterlinge erfindet, der produziert nichts gesellschaftlich Relevantes. Vielleicht hat sich so jemand in detailreicher Arbeit mit Insekten und der Funktionsweise eines Facettenauges beschäftigt. Aber die Frage muss erlaubt sein: Wen interessiert es? Wem bringt es Nutzen? Die Akzeptanz der Gesellschaft und die Akzeptanz der Wirtschaft muss für uns Schulen im Vordergrund stehen. Jedes individuelle Handeln muss sich an den Bedürfnissen der Gesellschaft messen lassen. Das ist wie mit einer Stadt. Die muss sich fragen: Identifizieren sich meine Bürger mit mir? Bei einer Stadt, im konkreten Fall Bornheim, steht die Identifikation des Bürgers auf drei wesentlichen Säulen: Die Wirtschaftsförderung vor Ort, das Freizeit- und Kulturangebot, das Angebot an Schulen und Ausbildungsstätten.“

Handlungsorientiertheit hat ihre Argumente, auch wenn man Studien und statistische Erhebungen über Erfolg oder Misserfolg des handlungsorientierten Unterrichts bislang vergeblich sucht. - Welche Rolle spielt dieses Konzept für eine Gesamtschule? Breil: „An der Europaschule hat die Handlungsorientierung schon ein wenig Fuß gefasst. Mir fällt ein Beispiel aus der Mathematik ein. Da ging es in einer Klasse um Höhenberechnungen. Draußen an der Schule stand gerade ein Baustellenkran, aufgeschüttetes Baumaterial. Daran wurde das gleich praktisch umgesetzt. Je praxisorientierter ich die Dinge vermitteln kann, desto tiefer prägt sich das Wissen bei den Schülern ein.“


KEINE INTEGRATIONSPROBLEME

Das selbstverantwortliche Individuum erwirbt Wissen. Der wirtschaftende Mensch erwirbt Handlungsfähigkeit. Zwischen diesen beiden Polen klafft noch eine Wunde weltanschaulicher Art. Ein alter Kampf zwischen Idealisten und Pragmatikern, zwischen Denkern und Machern, der sich von der konkreten Tätigkeit eines Lehrers bis hinauf in die Landesministerien zieht, dort, wo auch die Richtlinien des Schulbetriebs formuliert werden. Viel fassbarer ist das Thema der Zuwanderung neuer Volksgruppen, fremder Kulturen. Und die Frage: Welche Modelle zur besseren Integration ausländischer Schüler können Erfolg haben?

An der Europaschule ist die Antwort kurz und bündig: „Wir haben keine Integrationsprobleme.“ Und die Argumente klingen schlüssig: Spezielle ethnische Gruppen, so heißt es, treten an der Europaschule nicht massiert auf. Breil: „Bei uns gibt es Maria aus Spanien, Gül aus der Türkei, Michel aus Frankreich, Stanislaw aus Polen. Insgesamt sind bei uns 38 Nationen durch Schüler vertreten. Ich denke, damit wird man dem Anspruch einer europäischen Schule gerecht.“ Mit fünf bis sechs Prozent Ausländeranteil spiegelt die Europaschule die Situation ihrer Stadt Bornheim. Auf diese Ausgewogenheit zwischen Gesamtbevölkerung und schulischer Situation komme es an.

Ein „Phänomen Rassismus“ wird unwahrscheinlich, weil die nationalen Herkünfte stark gemischt sind. Und zur Angst vor dem Andersartigen, dem Ungewohnten und Neuen kommt es nicht, wenn die Schüler zu Auslandsaufenthalten verpflichtet sind, zum Beispiel zu einem Sozialpraktikum in der Jahrgangsstufe 12. – Nachvollziehbare Strategien. Und die werden nötig sein – angesichts des scharf gewordenen Konkurrenzkampfs um die verknappten Arbeitsstellen.

180 Aufnahmeplätzen pro Jahr stehen 400 Neuanmeldungen an der Europaschule gegenüber. Bei der Entscheidung über die Schulaufnahme wird zunächst auf ein ausgewogenes Verhältnis von Jungs zu Mädchen geachtet. Dann werden soziale Härtefälle berücksichtigt. Aber auch beim Thema Ausländer-Verteilung bleibt der Zwang zum Selektieren. Grundsatz: Es muss eine Mehrheit an der Schule geben, die eine gesellschaftliche Minderheit integrieren kann. „Erst, wenn sich das Verhältnis an der Schule umkehrt“, so Breil, „dann wird es problematisch.“


DER LEHRER ALS VATER?

Problematisch ist es an deutschen Schulen schon lange. Die Erziehungsarbeit verlagerte sich immer mehr von den Elternhäusern direkt auf die Schulen.

Breil sieht den Gesetzgeber gefordert. Um Eltern in die Situation zu setzen, ihre Kinder auch zuhause besser zu fördern, müsse sich auch in der Familienpolitik etwas tun. Ehepaare ohne Kinder als Familie zu betrachten und entsprechend steuerlich zu bevorteilen, das werde sich noch als fatal beweisen. - Aus Sicht Lediger, die schnell mit einem Steuersatz von 50 Prozent für ihre Kinderlosigkeit abgestraft werden, lassen sich da ganz entgegengesetzte Fragen und Meinungen formulieren: Wie bemisst sich der Wert eines Kindes? Wie soll gesellschaftlichen Wert erhalten, was der staatlichen Subventionierung bedarf? – Aus staatlicher Sicht hat das Kindergeld, die Subvention der Kinderzeugung, ganz einfache Gründe: Das zusammenbrechende System der umlage-finanzierten Rente soll gerettet werden.

Breil jedenfalls plädiert für den Freispruch der Eltern. „Die Eltern sind ja auch nur Kinder ihrer Zeit. Jede Generation macht ihre generationsspezifischen Fehler. Wegen der Pisa-Studie nun auch noch Elternschelte zu betreiben, darum kann es nicht gehen.“ Allerdings schränkt er ein: „Wenn man ein Auto steuern will, muss man vorher eine Legitimation erwerben, den Kfz-Führerschein. Wie kommt es, dass niemand einen Führerschein für die Erziehung von Kindern fordert?“

Also mutiert der Lehrer zum Vater, die Lehrerin zur Mutter. Doch ist die heutige Rechtssituation der Lehrer gegenüber ihren Schülern ausreichend, einen störungsfreien Unterricht zu gewährleisten? Störer gibt es in jeder Klasse. Sie vom Unterricht auszuschließen, kann den Lehrer schnell in eine Haftungssituation bringen. Der Kollege in der Nebenklasse wird sich herzlich bedanken, wenn er die Aufsichtspflicht über einen hartnäckigen Kandidaten übernehmen soll.

Jede Schule braucht Regeln. Beim Missachten dieser Regeln muss es Folgen geben. Breil nennt ein drastisches Beispiel: Drogen. „Wenn ein Schüler an unserer Schule dealt, fliegt er direkt von der Schule. Das Dealen schränkt die Freiheit des anderen direkt ein. Mäßiger sehen die Folgen für solche Schüler aus, die Drogen konsumieren. In solchen Fällen würden wir direkt Hilfestellungen geben, beispielsweise in Zusammenarbeit mit dem Entziehungsangebot des Bornheimer Phoenix-Hauses.“

Unterrichtsstörungen seien meist keine Sache einzelner Schüler. „Da muss ich mich auch als Lehrer fragen: Mach ich vielleicht etwas bei meinem Unterricht verkehrt? – Warum kennen die Schüler denn sämtliche Werbungen? Weil sie interessant gemacht sind. Muss das nicht auch für einen Unterricht gelten?“ – Werbung arbeitet mit Suggestion, will und muss beeinflussen. Das ist auch das Ziel eines Unterrichts mit Erziehungsanspruch. Im Fremdwörterbuch des Dudens werden für das Wort „suggerieren“ zwei Wortbedeutungen angegeben: 1. jemanden gegen seinen Willen gefühlsmäßig oder seelisch beeinflussen. 2. einen bestimmten, den Tatsachen nicht entsprechenden Eindruck entstehen lassen.

Das führt zu Fragen von philosophischem Ausmaß: Gibt es einen freien Willen? (Die Biologen behaupten, es gebe ihn nicht). Falls es den freien Willen gibt, kann man jemanden gegen seinen Willen beeinflussen? (Hypnotiseure wissen: Man könnte). Was ist „ein Eindruck, der den Tatsachen nicht entspricht“? (Wirklichkeit entsteht im Kopf – aber entsteht auch in jedem Kopf die gleiche Wirklichkeit?)

Breil fände es toll, wenn es auch einmal eine Pisa-Studie über Lehrer gäbe. Wenn Schüler Lehrer beurteilen könnten. Und wenn Lehrer leistungsorientierter besoldet würden. Solche Bewertungen seien natürlich nur dann interessant, wenn das Ganze auch konkrete Folgen habe. – Solche Ideen fordern in Deutschland, dem Land der Besitzstandswahrer, einigen Mut. Auch für die Hochschulen diskutierte man, das amerikanische System der Dozenten-Bewertung auf Deutschland zu übertragen. Hat sich bis heute etwas getan? Auch bleibt die berechtigte Frage: Nach wessen Maßstäben sollte der Schüler den Lehrer beurteilen? Nach einem Maßstab womöglich, der dem Schüler noch gar nicht vorliegen kann? Wer hat das Recht, wen zu formen? Und zu welchem Zweck?


WEG VON DEN FÄCHERN, HIN ZUR VERNETZUNG

Was hält man an der Europaschule von Fächer übergreifendem Unterricht? Das Lehrerkollegium ziehe bei solchen Projekten mit, meint Breil. Wenn ein einzelner Lehrer mehrere Fächer integrativ unterrichtet, dann findet Breil das gut, aber noch nicht optimal. „Ich halte es für noch besser, wenn die Unterrichtsinhalte verschiedener Lehrer gegeneinander abgestimmt werden. Nehmen wir das populäre Thema Sexualität. Da können im Fach Biologie die naturwissenschaftlichen Begrifflichkeiten geklärt werden, in Deutsch ist kritische Auseinandersetzung mit der Umgangssprache möglich, in Musik könnte es etwa um die Vertonung von Liebesgedichten gehen.“

Das ist Organisationsarbeit. Denn das Fach Musik kann in Klasse 5 nicht halbe oder Viertelton-Schritte behandeln, wenn in Mathe das Bruchrechnen erst in Klasse 6 vermittelt wird.

Vernetzungen, die sich schneller durchsetzen, sind heute digitaler Natur. Die Europaschule Bornheim ist der Initiative „Schulen ans Netz“ angeschlossen. Dass die Schulausbildung in Sachen EDV immer ein wenig hinterher hinkt, liegt am Markt der Software und Hardware. Neuentwicklungen lösen sich hier in rascher Folge ab. Die Schulen sollten sich hüten, Erfüllungskonsumenten des marktbeherrschenden Konzerns Microsoft zu züchten. Dessen Produkte kommen besonders schnell auf den Markt. Ob sie auch besonders gut sind? Die Meinungen bleiben geteilt.


KRIEG DER GESCHLECHTER – SCHON AN DER SCHULE?

Mit den gesellschaftlichen Änderungen, die seit 68-er Tagen einsetzten, entfaltete auch das Rollenverhalten der beiden Geschlechter eine ungeahnte Dynamik. Alte Machtstrukturen kamen ins Wanken, neue etablierten sich. Nach einem Spiegel-Artikel, der im letzten Jahr erschien, werden männliche Schüler seit geraumer Zeit gegenüber Mädchen bei der Lernförderung ignoriert. Da habe sich seit der Frauenbewegung der Siebziger ein Dogma des „zu befriedenden Mannes“ eingeschlichen. Interessant insofern, als das Aggressionspotenzial von Jungs und Männern vor allem durch Mädchen und Frauen gesteuert wird.

Breil nimmt auch zu diesem Thema Stellung: „Mädchen sind im Regelfall angepasster als Jungen. Auf das unterschiedliche Sozialverhalten gehen wir ein, indem wir zum Beispiel Computerkurse nur für Mädchen anbieten. Andere Kurse wiederum sind speziell für Jungs. Wesentlich ist in jedem Fall: Das Sozialverhalten darf von den Lehrern nicht mit dem Leistungsverhalten verknüpft werden. Und das gilt besonders für geschlechtsspezifisches Sozialverhalten.“ Ein Thema, das schillernde Feuerwerksraketen bereithält.

Schillernd ist auch der Umstand, dass mit Breil ausgerechnet ein CDU-Mann Schulleiter einer Gesamtschule ist. Das klassische SPD-Konzept zur Bildungspolitik, verfochten vom politischen Gegenspieler?

Breil selbst hat lange Zeit an Gymnasien gearbeitet. Den Schritt zur Gesamtschule machte er bewusst. Er war von diesem Konzept überzeugt. Mit Partei-Zugehörigkeiten habe das rein gar nichts zu tun. – Und die Bürgermeisterwahl? Breil hat sich als Kandidaten für Bornheim aufstellen lassen. „Ich warte es ab“, sagt er. „In gespannter Wartestimmung bin ich aber nicht. Auch sitz ich hier nicht auf gepackten Koffern. Meinen Beruf als Schulleiter der Europaschule mache ich mit voller Leidenschaft und Freude.“


© Rainer Liesenfeld, Januar 2003


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>> Die Webseite der Europaschule in Bornheim / Rheinland
 

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