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KULTUR / BEGEGNUNG

>> Japan: Ein Freund des Teewegs bringt Nippon nach Deutschland
Der deutsche Japan-Kenner Martin Knipphals pflegt alte japanische Traditionen


Reportage - 2/2003
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>> Japan im Wertewandel


EIN FREUND DES TEEWEGS
BRINGT NIPPON
NACH DEUTSCHLAND

Architekt? Lebenskünstler? Maler? - „Ich bin Tee-Mensch“, antwortet Martin Knipphals auf die Frage nach seiner Profession, „einzelne Berufe sind da als Einheit zusammengefasst.“ Genau so könnte er sich Koch nennen oder Gärtner. Für ihn ist der Mensch ein Gesamtkunstwerk im Sinne Wilhelm von Humboldts.

In erste Linie vertritt Knipphals die traditionelle japanische Architektur in Deutschland. Diese Architektur, mit leichten Hölzern, wirkt für deutsches Empfinden filigran und zerbrechlich. „In Japan ist es viel feuchter als in Deutschland“ erklärt er. „Die Klimaschwankungen sind extrem. Im Sommer geht das hoch bis 38 Grad Celsius, bei einer Luftfeuchte von 90 Prozent. Im Winter kann das Thermometer kräftig in den Keller sacken, bis runter auf minus 21 Grad. Eine solche Temperaturspanne zwischen den Jahreszeiten zählt in Deutschland eher zu den Ausnahmefällen.“


In Japan rappelt die Erde häufig

Ein Argument für eine traditions-orientierte japanische Bauweise ist das noch nicht. Schon eher der Umstand, dass Japan zu den stark betroffenen Erdbeben-Gebieten der Erde zählt. „Wenn die so bauen würden wie wir, wäre ein Chaos vorprogrammiert!“ Knipphals vergleicht die traditionelle japanische Bauweise mit dem Holzständerbau in Deutschland. Genau genommen sei das bloß eine Weiterentwicklung unserer Fachwerk-Architektur – und zwar eine solche, die „rappelndem Boden“ gewachsen sei.

Dann kommt endlich ein Argument, das für private Bauherren überall auf der Welt  zählt: die Baukosten. „Heute ermöglicht technischer Fortschritt, dass man nur noch ein Drittel der Holzmasse verwendet, die früher für einen Hausbau nötig gewesen wäre.“ Das sei nicht nur mit kürzeren Bauzeiten und geringerem Ressourcenverbrauch verbunden. Auch vom Brandschutz her stünden seine Bauten besser da als ein Steinbau, dessen Holzverbau sich auf den Dachstuhl beschränkt. In Zahlen? 1.460 Euro Baukosten pro Quadratmeter gibt Knipphals für die schlüsselfertige Übergabe an.

Der Künstler Martin Knipphals hat noch anderes als Hausbau im Sinn. Er geht den Teeweg. Das ist ein sehr altes Berufsbild mit über tausendjähriger Tradition. Es stammt aus China und Japan, hat sich aber mittlerweile weltweit etabliert. Wenn Knipphals die Feinheiten des Tee-Rituals zu einem ausreichenden Grad an Perfektion geführt hat, wird er dafür keine Urkunde erhalten. Legitimationen stehen nicht immer auf einem Stück Papier. Vielleicht schenkt ihm sein Lehrer irgendwann einen hölzernen japanischen Teelöffel
.

Bei offenem Eingang geschlossen

Wo er die Teeblätter mit dem Besen schaumig schlägt? Es könnte vor Neugierigen sein, im Kölner Museum für ostasiatische Kunst. Vor allem zelebriert er das Tee-Ritual in seinem  Haus.  Dessen Garteneingang betritt man durch ein leicht gezimmertes Tor-Quadrat. Vom Kopfbalken des Tors hängt ein geteiltes blaues Tuch herab. Eine Anlehnung an japanische Restaurants:

Sobald das Tuch heruntergeschlagen wird, sind auf dem Stoff  Schriftzug und Firmen-Logo lesbar. Das bedeutet: „Geöffnet“.  Wird das Tuch hochgeschlagen, liegt der ungehemmte Eintritt zwar nahe. Doch im Gegenteil: Herauf gebundenes Eingangstuch heißt „Geschlossen.“

 „„Ginkgo-an“ nennt Knipphals sein Domizil. Das japanische Wort „an“ steht im Deutschen für Haus, Hütte, Unterkunft, Herberge. Im Zusammenhang mit dem Getränk Tee bedeutet es schlicht: Teehütte. Und Ginkgo biloba, das japanische Bäumchen mit der charakteristischen Blattform, das kennen in Deutschland schon viele. Der Ginkgo gilt als Symbol der Vermittlung zwischen Ost und West. Sein Blatt ist zweigeteilt – und fußt dennoch in einer gemeinsamen Basis. Knipphals: “In der Zweiteilung wird ein Dualismus deutlich. Dieser Dualismus hat aber etwas Einschränkendes, Trügerisches. Es geht darum, ihn zu überwinden. Und dafür steht die zusammenfügende Blattbasis“.

Gingko zählt zu den ältesten lebenden Fossilien. Dass der Ginkgo seit rund sechs Millionen Jahren unverändert existiert, belegen Versteinerungen aus Europa, Nordamerika und Asien. Aufgrund seiner Blattform scheint der Ginkgo den Laubgehölzen anzugehören. Doch botanisch gesehen zählt er zu den Corniferen. Auch hier: eine Täuschung.

Martin Knipphals fühlt sich dem buddhistischen Denken nahe. Ob er sich als Zen-Buddhist bezeichnen darf? Er ist sich nicht sicher. Denn im ursächlichen Kulturumfeld sei er selbst ja nicht groß geworden.

Im Zen gibt es drei Hauptlinien, die sich in Feinheiten, Variationen bei den Ritualen unterscheiden. Knipphals praktiziert den Zoto-Zen. Zen, in japanischer Lesart „Chan“, leitet sich aus dem Indischen ab: Dhyana. Das Wort steht schlicht für Versenkung. Sich mit sich selbst auseinandersetzen, den eigenen Kern freilegen.


Buddhistische Kampfmönche sind ein Widerspruch in sich

Seit in den Siebziger Jahren die amerikanische Fernsehserie mit einem Kung-Fu-Mönch über die Bildschirme flackerte - und auch wegen der billig produzierten Karatefilme aus Hongkong oder Taiwan - denken viele beim Stichwort Zen an Kampfsport treibende Mönche.  Für Knipphals ein abwegiger Gedanke. „Von mehreren Millionen zen-orientierter Mönche gab es vielleicht ein paar dutzend oder ein paar hundert, die im historischen Umfeld zur Klinge gegriffen haben. Davon abgesehen ist es eine sehr bewusste buddhistische Denkweise, dass der Feind nicht als äußere Instanz wahrgenommen, sondern im eigenen Denken gesucht wird. Kriegermönche, das ist insofern ein Widerspruch in sich.“


Gott sprach nicht in den Worten der Menschen

Freilich hat Japan eine lange kriegerische Tradition. Die äußerte sich auch im Machtgebaren der Shogune. Die historischen weltlichen Machthaber Japans trieben den Tenno, den „Gottkaiser“, Mensch gewordenen Gott, einst in die faktische Isolation. Der Tenno blieb religiöses und spirituelles Oberhaupt Japans – doch ohne tatsächliche wirtschaftliche Einflusskraft. Als die Japaner nach dem Zweiten Weltkrieg vor den Amerikanern kapitulierten, trat der Tenno seinen Japanern gegenüber. Er sprach zu ihnen in einem 1.300 Jahre alten Japanisch. Sie verstanden ihn nicht. Heute hat der Tenno eine Funktion, die mit der Position des deutschen Bundespräsidenten vergleichbar ist. Die Amerikaner schrieben das nach dem Krieg so vor.

Jenseits der Politik nahm der Zen-Buddhismus seinen Anfang in Japan, als die buddhistische Unterscheidung zwischen Hinayana und Mahayana noch nicht anstand. Zwischen dem südindisch orthodoxen Hinayana, dem „kleinen Pfad“ individueller Verlöschung und dem Mahayana, dem kollektiv geprägten Buddhismus, bahnte sich Zen seinen eigenen, häufig sehr pragmatischen Weg. Um 650 bis 700 n. Chr. breitete sich Zen innerhalb von zwei Generationen in Japan aus.

Welche Bedeutung hat Japans Buddhismus heute? Die meisten Japaner, so Knipphals, sind sowohl buddhistisch als auch shintoistisch geprägt. Motto: Doppelt genäht hält besser! Auf einen Zen-Mönch müsse diese Haltung freilich abstrus wirken.


Heirate deine Arbeitskollegen!

Dass der historisch aus China stammende Taoismus in Japan eine Rolle spiele,  konnte Knipphals auf seinen Japan-Reisen nicht beobachten. Der ebenfalls in China geprägte Konfuzianismus kam dem hierarchischen Gesellschaftsleben der Japaner viel stärker entgegen. Aber auch davon scheint nicht viel geblieben. Knipphals: „Die moderne Familie des Japaners heißt Firma.“

Verheiratet mit den Arbeitskollegen. Auch solche Klischees dürften verantwortlich sein für das Bild des Japaners in europäischen Köpfen: Mit Kameras bewaffnete Touristen-Gruppen, unter deutlicher Leitung eines Führers. Sind Japaner die gruppen-konformen Massenmenschen, als die wir sie sehen? „Den Menschen, der sich zugunsten der Gruppe zurücknimmt, den gibt es in Japan wieder“, sagt Knipphals. Das „wieder“ betont er allerdings, und demnach gab es auch ganz andere Trends. „Aber wenn man die Japaner als Massenmenschen bezeichnet, dann trifft das nicht den Punkt. Ein Japaner sieht sich als Steinchen im Mosaik der Gesellschaft. Und zwar als ein wichtiges Steinchen.“ Allein reisende Japaner, das ist eine – für japanische Vorstellungen – extrem individuelle, kleine Ausnahmegruppe. „Man sieht das schon an den japanischen Managern, die eine Weile in Deutschland waren: Zuhause finden die häufig keine Integration mehr.“ Kulturschock durch Europa?


Endlich Gefühle! – beim Karaoke

Die Beherrschung der Emotion spielt im heutigen Japan die gleiche große Rolle wie seit Jahrhunderten. Die Emotion verbergen: Normal-Status. Knipphals beschreibt das als Frage der Höflichkeit: Man mutet den anderen seine Affekte nicht zu. Ausgleich für derlei Beherrschungen finden Japaner beim berühmt-berüchtigten Karaoke. Für ein  japanisches Firmenklima scheint der Abteilungsausflug zur Karaoke-Bar eine wichtige Ventil-Funktion zu erfüllen. Hier – endlich – darf auch ein Japaner in Gefühlen schwelgen.

Vom Wirtschaftsstandort Deutschland halten japanische Investoren recht viel. Knipphals: „Es scheint ein Trend deutlich zu werden, dass man sich in Japan stärker auf Europa, vor allem auf Deutschland konzentriert.“ Und Amerika? Das werde in Japan zunehmend als kulturlos betrachtet. Erst kürzlich habe es entsprechende Andeutungen aus dem japanischen Außenministerium gegeben. Knipphals zitiert jemanden aus einer bekannten japanischen Familie: „Wir haben versucht, amerikanischer zu sein als die Amerikaner. Aber wir haben eine andere Tradition und ein anderes Moralgefüge.“

In Japan exportiert man heute lieber nach Europa. Mit Amerika Handel zu treiben, hat den Anhauch des Geschmacklosen bekommen.


Wenn du Buddha triffst, töte ihn!

Eine Kultur als geschmacklos zu empfinden und die Absicht, eine andere Kultur auszurotten – dazwischen liegen Schluchten und Welten. Was dachte Martin Knipphals, als das Taliban-Regime die afghanischen Buddha-Statuen von Bamian sprengte, die Bilder der Zerstörung um die Welt schickte und in Heroen-Pose damit kokettierte? „Ich sehe das ganz entspannt. Buddha soll sehr ungehalten gewesen sein, als man begann, Statuen oder Figuren von ihm anzufertigen. Bei solchen Aktionen muss man doch mal fragen: Glaubt ihr wirklich, ihr könnt eine Art des Denkens zerstören, indem ihr geschnitztes Holz verbrennt oder gemeißelten Stein in die Luft sprengt? - Es gibt so einen Sinnspruch im Buddhismus, der lautet: Wenn du den Buddha triffst, dann töte den Buddha!“

Die „Lebensform Buddhismus“ kommt demnach ohne Denkmäler, Kultstätten, Helden aus. Tempel und Statuen wird man für Menschen mit einfachem Religions-Verständnis errichtet haben, kaum für die Mönche. Wer tags mit Bettelschale und gesenktem Haupt durch die Straßen geht, der braucht abends keinen Palast zum Übernachten.


Strahlende Väter von Töchtern

Ein anderes Thema: Familienpolitik. Beim japanischen Nachbarn (Rot-)China sah sich die Regierung gezwungen, gegen Übervölkerungstendenzen die Ein-Kind-Familie zu propagieren. Doch ein fünfzig Jahre währender Kommunismus-Gedanke ist nichts gegen eine Jahrhunderte alte konfuzianistische Tradition. Seit sich in China die Ultraschall-Technik in der Medizin etablierte, werden weibliche Föten verstärkt abgetrieben: patriarchalisches Stammhalter-Denken aus den vorkommunistischen Normen des Verhaltens. Die Kinderhilfsorganisation der Vereinten Nationen (UNICEF) wies vor Jahren in einer Plakat-Aktion auf die chinesischen Missstände hin: „Kinder ohne Zukunft erkennt man an diesem Zeichen“ – darunter das bekannte Symbol für „weiblich“. – Die Erwachsenen ohne Zukunft werden in China allerdings Männer sein. Frauenmangel. Irgendwann steht dort ein Krieg bevor, ein neuer „Raub der Sabinerinnen“ – oder ein sprunghafter Anstieg der männlichen Homosexualität. – Doch an diesem Punkt, meint Knipphals, sei Japan nicht Asien: „Die japanischen Väter, die ich getroffen habe, waren vom einen zum anderen Ohr strahlende Väter von Töchtern!“ Und das, obwohl auch in Japan die Ein-Kind-Familie zum Regelfall geworden ist.

Was deutsche Manager lernen könnten

Ein halbes Jahr Teeweg-Training. Das empfiehlt Knipphals deutschen Managern im Umgang mit Geschäftsleuten aus Japan. „Die japanische Kultur ist eine Tee-Kultur. Das gilt selbst und gerade im Top-Management.“ Richtige Umgangsformen bei der Teekultur spielen eine große Rolle, will man im japanischen Gesellschaftsgefüge Akzeptanz finden. Ohne solche Kenntnisse seien Manager in Vertragsverhandlungen mit japanischen Gesprächspartnern schon kläglich gescheitert. „Da muss man auch die richtigen Verbeugungen kennen.“

Martin Knipphals mit seiner Ehefrau.

Offenbar gibt es davon etliche Varianten. - Möglicherweise ist eine neue Höflichkeit im geschäftlichen Umgang ein gemeinsamer Weg aus der wirtschaftlichen Krise. Zur Zeit steckt Japan erheblich tiefer in dieser Krise als Deutschland. Ob die Rückbesinnung auf alte Traditionen der richtige Weg ist, wird sich zeigen.


© Rainer Liesenfeld, 2003


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