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Die deutschen Gewerkschaften. Herumgetreten wird auf ihnen seit Jahren. In seiner Ausgabe Nr. 19 vom 5. Mai 2003 widmet
sich auch “Der Spiegel”, einst linksliberal, heute wirtschaftspragmatisches Blatt, dem deutschen Gewerkschaftswesen: Der Tenor geht in die gleiche Richtung wie bei den anderen Medien: “Lobby des Stillstands” ist der
Artikel überschrieben.
Als Rückständler und Besitzstandswahrer wurden in den 80-er Jahren schon die britischen Gewerkschaften gescholten. Deren organisierte Bergarbeiter forderten so viel Geld, dass der Import
sozialistischer Steinkohle aus Polen schnell attraktiver wurde als die lohnkosten-trächtige Produktion auf der europäischen Insel. Als die Jeanne d`Arc des Neoliberalismus, Margret Thatcher, ihr politisches Werk in die
Hände des Nachfolgers gab, waren die britischen Gewerkschaften entmachtet. Der wirtschaftliche Individualismus konnte einen seiner ersten großen Siege für die neoliberale Idee feiern. Leute, die von Gemeinschaft, gar
von einer solidarischen sprachen, wurden zunehmend belächelt: niedliche Spinner.
Im Fadenkreuz: die Gewerkschaftsidee
Und Deutschland? Heute gilt das Land der Dichter und Denker mit seinen 80 Millionen Einwohnern als der rückständigste
Wirtschaftsstandort der Europäischen Union - aus dem gleichen Grund, aus dem er früher als der fortschrittlichste galt: wegen seines Systems der Tarifparteien und deren Interessensabgleich im Auftrag der konkurrierenden
Gemeinschaften von Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Mit den ausgehandelten Flächentarifverträgen erreichten die Mitgliedsunternehmen der Arbeitgeberverbände langfristige Planungssicherheit bei den Fixkosten. Die
Gewerkschaftsseite sicherte ihren Mitgliedern einen Mindestlebensstandard, der nicht nur ausreichende Konsumption ermöglichte, sondern damit auch den Warenabsatz der Unternehmen ankurbelte.
Das war gestern. Zum
Ende des Ost-West-Konflikts hat sich nicht nur die Art der Arbeitsplätze geändert. Die Arbeitsmärkte erreichen zudem eine Mobilität wie selten zuvor. Im Fadenkreuz: die Gewerkschaftsidee. - Aber geht`s uns wirklich in
Deutschland so schlecht, weil die Gewerkschaften fordern, es solle allen in Deutschland ein bisschen gut gehen?
Dem wachsenden Heer der Arbeitslosen mutet diese Forderung abstrus an. Denn für die Arbeitslosen
wirken sich die von der Gewerkschafspolitik gesetzlich durchgedrückten Sozialnormen als “Markteintrittsverhinderung” aus. Was als soziale Errungenschaft gedacht ist, bewirkt in der Einstellungspraxis der reagierenden
Arbeitgeber das genaue Gegenteil. Arbeitswillige wie -fähige Bewerber-Kandidaten des Arbeitsmarkts müssen aus betriebswirtschaftlich-unternehmerischer Vernunft abgewiesen werden. Immer kann die Arbeitgeberseite
abwiegeln, indem sie auf das “zunfthafte Gebahren” der Gewerkschafter verweist.
Gewerkschaftsschweigen zu Beginn der
Globalisierung
In etlichen Punkten haben die Kämpfer wider den Gewerkschaftseinfluss Recht: Wer in Deutschland ein Geschäft
gründet, das zu wachsen beginnt und das die Rekrutierung von Arbeitskräften erfordert, dem wird schnell schummerig vor Augen: Das von der Lobby der Gewerkschaften stark beeinflusste Arbeitsrecht birgt unternehmerische
Risiken in Hülle und Fülle. Gerade die kleinen Unternehmen, die den Großteil der Arbeitsplätze in Deutschland stellen, sind mit den langjährig gehegten Sozialstandards der Arbeitnehmerschaft überfordert. Ins Ausland
abwandern? Das tun seit Jahr und Tag die Großunternehmen. Seit dem Ende des Kalten Krieges argumentieren vor allem sie mit den Zwängen der Globalisierung.
Eine ganze Weile nach dem deutschen Mauerfall hörte man
aus den Gewerkschaftslagern allerdings noch nichts darüber, wie man der unmittelbar vorhersehbaren wirtschaftlichen Globalisierung des Erdballs begegnen wolle. Auch Mitte der 90-er Jahre hörte man noch nichts. Man hörte
nichts, als Mercedes Benz mit einem der großen amerikanischen Autokonzerne zu Daimler-Chrysler fusionierte. Man hörte nichts, als die Fusionitis in der deutschen Stahl- und Chemie-Industrie begann. Man hörte nichts, als
Bayerns BMWler damit begannen, in Großbritannien nach den automobilen Rosinen zu forschen. Um die Jahrtausendwende herum, als selbst so mancher kleine Mittelständler seinen Fuß ins Ausland gesetzt hatte - dorthin, wo
die Kosten der Arbeit geringer waren -, da hörte man immer noch nichts von den Gewerkschaften. Stellungsnahmen und Missfallensäußerungen gab es wohl. Aber Lösungsansätze? Strategien? - Fehlanzeige.
Was
Funktionären der Gewerkschaftsspitzen manchmal wichtiger schien: untereinander um die Macht zu balgen. Die “Salon-Sozialisten” hatten das gleiche Problem wie die Manager privatwirtschaftlicher Konzerne: Man sägte sich
lieber gegenseitig an den Stühlen herum statt sein Unternehmen durch stürmische See zu steuern. Die Eitelkeit der Macht zu verlockend? Persönlicher Profilierungsdrang so übermächtig, dass Sache und Ziel in den
Hintergrund gerieten?
USA: neoliberal, wenn`s um den eigenen Absatz geht
Leicht hätten die Gewerkschaftsfunktionäre erkennen können, dass arbeitsmarktbedingte Völkerwanderungsströme seit hunderten von Jahren um den Globus fließen. Und leicht hätten
sie erkennen können wie andere dem vorbeugen:
Die Vereinigten Staaten, deren Regierungen sich seit Jahr und Tag mit dem Gestus naiver Unschuld als Vorreiter und Wegbereiter des neoliberalen Gedankens und des
internationalen Freihandels in Szene setzen, besitzen seit Jahr und Tag diesen gut gesicherten Grenzzaun vor Mexiko: Nicht die Mexikaner sollen in den USA Arbeit finden. Höchstens die USA in Mexiko den Warenabsatz. Wie
anders könnten die Amis ihrem gigantischen Handelsbilanzdefizit begegnen! Präsident George W. Bush glaubt diesem Dezifit mittlerweile nur noch durch gewaltsame Expansion und Einverleibung fremder Ressourcen
entgegentreten zu können.
Seltsamerweise wird die Glorie des Neoliberalismus von den US-amerikanischen Regierungen immer nur dann in mediale Szene gesetzt, wenn es um Produktions- und Absatzrechte geht. Angebot
und Nachfrage, so heißt es scheinheilig, würden schon das Nötige regeln.
Da darf man gegenargumentieren: Menschen ohne Kapital fungieren auf dem Markt zwar bloß als Anbieter ihrer Arbeitskraft. Doch ebenso kann
man sagen: Sie fungieren als Nachfrager von Arbeitsplätzen. Und man ist zum Resümee gezwungen: Die Unternehmen werden der überbordenden Nachfrage nicht gerecht.
Wer verkaufen will, soll Arbeitsplätze bieten
Vor allem fungieren Arbeitnehmer als
Konsumenten. Hierin liegt ihre Stärke: Warum sollen deutsche Arbeitnehmer bei Unternehmen kaufen, die Arbeitsplätze in Südkorea feilbieten? Weil deren Produkte billiger sind? Freilich sind sie das. Und freilich
müssen 90 Prozent der Konsumenten ihre Kaufentscheidung nach dem Preis der Ware treffen. Das gilt für jedes einzelne wirtschaftliche Individuum...
Und Stopp! Es gilt eben nicht für die mögliche
(Solidar-)gemeinschaft der nachfragenden Individuen! - Die Gewerkschaften haben diese Druck-Möglichkeit gegenüber den Unternehmen verschlafen. Dabei könnte es einleuchtender nicht sein: Wenn ein Unternehmen das Recht
auf einen Absatzmarkt erwerben will, dann muss es diesem Absatzmarkt etwas bieten: Arbeitsplätze!
Die Menschen, die mangels Kapital ihre Arbeitskraft auf den Marktplatz tragen, hätten bei ernstgemeintem
Neoliberalismus Argumentationsrecht: Liebe Unternehmer, wenn ihr wollt, dass wir eure Produkte kaufen, dann sorgt bitte dafür, dass wir diese Produkte selbst herstellen dürfen. - Was, unsere Arbeitkraft ist euch zu
teuer? - Gut, eure Waren uns auch!
“Made in Germany” war bis Anfang der Siebziger das Argument für den Export in die Welt. Heute könnte es längst das Argument für die Konsum-Entscheidung deutscher Arbeitnehmer
sein! Längst hätten die Gewerkschaften die deutsche Bevölkerung sensibilisieren können, welche Unternehmen im Ausland produzieren - aber ganz selbstverständlich in Deutschland ihren Warenabsatz beanspruchen.
“Schaut her, ihr Leut, dieses Unternehmen gibt euch keine Arbeit, aber es will trotzdem, dass ihr ihm sein Gedöns abkauft!” Welches Unternehmen würde diesen Image-Schaden auf Dauer verkraften! Keines.
Glaubensstarke Neoliberale gehen bei solchen Gedanken an die Decke. Sogar die Aufrufe der Nazis zum Kaufboykott jüdischer Waren werden polemisch ins Feld der historischen Argumente geführt. Die Empörungschreie sind
laut: “Protektionismus!” “Rückfall ins 19. Jahrhundert!” - Nicht ganz richtig. Protektionismus wäre es dann, wenn die Regierung ihre Bevölkerung zu Boykott auslandsproduzierter Waren aufriefe. Protektionismus ist
es aber nicht, wenn das eine Gemeinschaft inländischer Gewerkschaften macht.
Schere zwischen arm und reich:
in jedem Staat auf unterschiedlichem Niveau
Anfang der 90-er Jahre hätte man im Gewerkschaftslager begreifen müssen: Wo
Unternehmen international agieren (weil sie als Wettbewerber betriebwirtschaftlich dazu gezwungen sind), da müssen auch Gewerkschaften international agieren. Der Gedanke internationaler Gewerkschaften ist zwar uralt.
Aber fast genauso alt scheint die Ahnungslosigkeit deutscher Gewerkschafter gegenüber diesem Umstand. Wer vor zwei Jahren das Stichwort “internationale Gewerkschaft” in Googles Suchmaschine tippte, erhielt keine
Treffer. Wer vor zwei Jahren eintippte “+Gewerkschaft +Globalisierung”, der erntete ebenfalls keine Information.
Vielleicht wirkt es verstaubt, fast antiquiert - oder gar dogmatisch und marxistisch, wenn das man
sagt: Die Grenzen verlaufen nicht zwischen den Staaten, sondern zwischen den Klassen innerhalb der Staaten. Und dennoch. Ein Arbeitnehmer in Deutschland riecht nicht das Elend eines hungernden Kindes in Schwarzafrika.
Aber er sieht, dass er einen alten Opel Kadett fährt - und sein Chef einen neuen 7-er BMW. Er weiß, dass er für 80 Euro Jahresbeitrag im örtlichen Sportverein turnt - und sich sein Chef jeden Sonntag für 60 Euro den
besten Wellnesstempel gönnt. Er sieht, dass er in einer Mietswohnung aus den 50-er Jahren wohnt. Und er weiß, sein Chef besitzt eine Villa am Stadtrand - neben dem Ferienhaus in den Alpen und dem Zweitwohnsitz in der
Toscana. Er weiß, dass sein Chef nicht nur die teuerste Blondine der ganzen Stadt geehelicht hat, sondern ahnt auch, dass der Boss ein Zugriffsrecht auf den Unterleibsbereich seiner schwarzmähnigen Sekretärin besitzt.
Sein Leben lang ist dieser Arbeitnehmer finanziell an die keifende, unzufriedene Frau gebunden, die er einst wegen ihrer Schwangerschaft ehelichen musste. Sein Chef finanziert derweil spielend drei Ex-Ehefrauen
samt ihrer Kinder-Schar. Des Arbeitnehmers Kind geht auf die verwahrlosende staatliche Schule. Die Kinder seines Chefs haben allesamt einen Internatsplatz in Salem. Später wird das Kind des Arbeitnehmers vielleicht in
Bochum Maschinenbau studieren. Das Kind des Chefs lässt sich jedenfalls vom Vater zum Auslandsstudium in Yale einkaufen.
Natürlich fragt sich der Arbeitnehmer: Ist die Arbeit meines Chefs wirklich in solch
exponentiellem Maßstab wertvoller als meine - obwohl mein Chef die Produktion koordiniert statt sie in die Tat umzusetzen? Und: Warum erhält er statt des Doppelten das Zwanzigfache meines Gehalts?
Ist der, der
oben ist, deshalb oben, weil er besser ist? Oder hat er bloß ein größeres Aggressionspotenzial? Wem bringt das größere Aggressionspotenzial etwas - außer dem Aggressor selbst? Warum werden leitende Angestellte besser
bezahlt als Sachbearbeiter? Weil mit dem zusätzlichen Gehaltsanteil das Risiko einer Fehlentscheidung abgegolten werden muss? Das Gehalt des Telekom-Chefs Ron Sommer war recht erklecklich. Warum erhielt er bei seinem
Ausscheiden trotzdem eine saftige Abfindung? Wo war denn sein Risiko der unternehmerischen Fehlentscheidung (Stichwort UTMS-Lizenzen)? Und wo war der Schleudersitz von Bertelsmanns Thomas Middelhoff (Stichwort Internet)?
Die Schere zwischen Arm und Reich klafft seit der Globalisierung stärker. Sie klafft in jedem Staat auf unterschiedlichem Niveau.
Globales Instrumentarium
Dass sich die Scherenblätter weiter öffnen, wagen zwar
selbst die Verfechter der neoliberalen Theorie nicht abzustreiten. Aber dort, wo der globale Gedanke auch auf Gewerkschaftsseite (wieder) angekommen ist, da scheint es fraglich, ob das richtige Instrumentarium gewählt
wird. Wie bringt man es auch Gewerkschaftsmitgliedern mit kleinbürgerlicher Mentalität bei: Sie sollen ihre Mitgliedsbeiträge nicht mehr dafür bezahlen, ihren Arbeitgebern in Deutschland höhere Löhne abtrotzen zu
können? Sondern dafür, dass Arbeitnehmer in Tschechien das gleiche auf tschechischen Unternehmensstandorten tun?
Auf den Bannern moderner Gewerkschaften, hätten sie während der 90-Jahre nicht gut geruht, stünde
heute ein anderes Motto: Die Gewerkschaftsarbeit im Ausland fördern, (um) den Unternehmensstandort im Inland (zu) schützen! - Doch während sich die Unternehmen dem internationalen Wettbewerb stellten, verweigerten sich
die Gewerkschaften dieser Aufgabe. Einer Aufgabe, die nicht nur Risiken, sondern im gleichen Maß Chancen verspricht.
Bequeme Arbeitnehmerschaft
Häufig ist es durch die historische Entwicklung bestimmt, dass manche Menschen mit Kapital agieren
dürfen - und andere nur mit dem Angebot ihrer körperlichen oder mentalen Arbeitskraft. Aber die, die nichts als die Kraft ihres Körpers anbieten, haben allzu häufig auch verlernt, dass man mit dem, was man hat, in jedem
Fall auch unternehmerisch und strategisch agieren muss. Das zeigt sich am besten am weit verbreiteten Typus des kleinen Angestellten, sobald man diesen auf die Möglichkeit einer beruflichen Selbständigkeit anspricht:
“Sich selbständig machen? Ich bin doch nicht blöd! Wenn ich sehe, wieviel mein Chef arbeitet und welche Risiken der hat ... nee danke! Dann habe ich lieber mein kleines und sicheres Gehalt, um fünf Uhr Feierabend und
samstagsabends in die Disko.” Dann hast du dein kleines Gehalt? - Du hattest” Vergangenheitsform!
Die deutschen Gewerkschafter haben ihre Aufgabe verschlafen. Nicht nur, weil der “taubenzüchtende
Gewerkschaftsrentner aus dem Ruhrgebiet” (sinngemäß in der Polemik des “Spiegels”) bis heute nicht begreift, warum er seinen Mitgliedsbeitrag für Arbeiteraufstände im Ausland hätte entrichten sollen. Sondern vor allem,
weil seine Gewerkschaft es ihm nie klar gemacht hat. Doch wie auch? Es war ihr selbst nicht klar!
Paradiese sind militärisch gesichert
Überall dort, wo die Regierungen der alten Nationalstaaten ihre Macht in die Hände von
Wirtschaftsunternehmen übergeben (Moderne Verächter von Keynes nennen das schlicht “Deregulierung”), da sind auch Gewerkschaften zu internationalem und intelligentem strategischen Handeln verpflichtet. Zumindest in
Deutschland lässt sich noch nicht erkennen, dass sie dieser Verpflichtung nachzukommen gedenken. Von Paradiesen zu reden, reicht leider nicht aus. Alle Paradiese werden von militärischen Wällen gesichert. Ein Bentley
wäre kein Bentley, hätte er keine Panzerverglasung. |
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