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KULTUR / LITERATUR / AUTOREN

>> Esther Vilar. Eine Nonkonformistin denkt die Gesellschaft von morgen

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Esther Vilar

Unbestechlich, warmherzig, analytisch:

Esther Vilar

Eine Nonkonformistin denkt die Gesellschaft von morgen

Wer ist Esther Vilar? Eine nachgewachsene Generation, der man das Hirn mit Soaps und Talk, mit “Big brother” und “Superstar” aus der Schädelkapsel geprügelt hat, könnte die Frage - achselzuckend - stellen. Gibt es ein neues Buch von ihr, so findet sich der Titel allenfalls kurzzeitig im Buchhandel. Das könnte daran liegen, dass Vilar unschmeichelhafte Wahrheiten ohne Umschweife auf den Punkt bringt. Sie lullt ihre Klientel nicht ein, bekräftigt niemanden in tröstenden Lebenslügen. Das unterscheidet sie von ihrer historischen Widersacherin, Alice Schwartzer, die - dem Profit verpflichtet wie eh und je - bis heute das verbreitet, von dem sie sicher sein darf, ihre Klientel werde es goutieren. Schwartzer war immer Geschäftsfrau. Vilar blieb immer Gewissensmensch.

Die Schriftstellerin Vilar wurde am 16. September 1935 als Tochter eines deutschen Landwirts und einer deutsch-jüdischen Mutter in Buenos Aires (Argentinien) geboren. Die Eltern flohen aus dem Deutschland der 30-er Jahre vor dem Nazi-Regime.

Kerl an der Leine:
Der dressierte Mann

Nach ihrem Studium der Medizin, Psychologie und Soziologie arbeitete Vilar zunächst  als Ärztin, später als Übersetzerin, Schriftstellerin sowie als Autorin für den Rundfunk. Ihren Durchbruch als Schriftstellerin hatte sie spätestens 1971 mit ihrem polemisch-provokanten Sachbuch “Der dressierte Mann”. Dort vertritt sie die These, nicht die Frau werde vom Mann unterdrückt, sondern umgekehrt: der Mann durch die Frau. In einer Zeit, in der die Frauenrechtsbewegung gerade begann, eine von Mahatma Gandhi und Martin Luther King angeführte Menschenrechtsbewegung für die eigenen Zwecke zu instrumentalisieren und umzuwidmen, hätte eine solche Aussage für einen Mann den gesellschaftlichen Tod bedeutet.

Für Esther Vilar, die “Beschmutzerin des weiblichen Nests”, bedeutete das Buch eine unglaubliche Publicity, einen überragenden Verkaufserfolg. Den aktiv nach Änderung strebenden, überwiegend intellekt-betonten Männern wurde die Schriftstellerin zu einer lebenden Schutzheiligen. Kehrseiten? Ja. Morddrohungen und Hass-Bekundungen ohne Ende. Vilar hatte das bittersüße “Pflänzchen der Wahrheit” gesucht - und gefunden. Vilars “Dressierter Mann polarisierte die Gesellschaft der 70-er Jahre. - Man könnte denken, nun, in den ersten Jahren des 21.Jahrhunderts, habe sich das Thema weitgehend erschöpft. Denn zahlreiche Frauen der Industrienationen, so eine Mutmaßung, hätten selbstbewusstere, von einem neuen Ehrgefühl geleitete Modelle des Lebens gefunden. Und der Selbstfindungsprozess der “neuen Männer” sei in vollem Gang. Diese Einschätzung berücksichtigt nicht, dass es erneut starke “Trends in die Vergangenheit” gibt: Vor der Ölkrise von 1973 hatte sich der westdeutschen Gesellschaft ein großes Experimentierfeld eröffnet. Wirtschaftliche Blüte sorgte für die Freiheit, Neues zu erkunden und auf seine praktische Durchführbarkeit hin zu testen. Der Ölschock dürfte das Seine dazu beigetragen haben, diese jungen Pflänzchen der Soziologie zu ersticken. Im Jahr 2003 sieht es - mit globaler Wirtschaftskrise und Kriegsängsten - ganz ähnlich aus. Den Vertretern des politischen Konservatismus ermöglichen solche gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die “Argumente von gestern” erneut als hoffähig, als gesellschaftlich wünschenswert oder - am schlagkräftigsten - als “naturbürtig” - in mediale Szene zu setzen. So ist die Gefahr gering, dass Esther Vilars “Dressierter Mann” das Stadium seiner Überflüssigkeit erreicht hat. Leider. Und das eigentliche Thema des Buches bleibt zeitlos: der Umgang des Menschen mit den Phänomenen Freiheit und Gefangenschaft.

Jesus ohne den lieben Gott:
Die Antrittsrede der amerikanischen Päpstin

Zitat aus “Die Antrittsrede der amerikanischen Päpstin” (1982): “Stellen Sie sich vor, es hätte damals ein junger Mann gelebt, der all (das Elend dieser Welt) ändern wollte. Ein Mann, der nicht Gott über alles liebte, sondern die Menschen, und diesen helfen wollte, ein für allemal miteinander in Frieden zu leben. - Hätte dieser Mann, falls er sein Ziel erreichen wollte, nicht gerade das tun müssen, was Sie Jesus Christus heute so leichtfertig vorhalten? ...

... Ich habe viel über diesen Christus nachgedacht. Ich nehme an, er war ein Atheist, oder zumindest ein Agnostiker. - Ein anderer hätte kaum gewagt, sich als Sohn Gottes auszugeben - er hätte sich viel zu sehr vor dessen Rache gefürchtet.”

Also, folgen wir Frau Vilars Ratschlag und vergessen wir für einen Augenblick unsere “modische Antipathie gegen diesen Mann” namens Jesus. In der Hand halten wir dann “Die Antrittsrede der amerikanischen Päpstin”, von Esther Vilar. Die interessante und liebenswerte These lautet in diesem Buch: Die historische Persönlichkeit “Jesus” war sich schmerzlich im Klaren über die Nicht-Existenz Gottes. Gleichzeitig benutzte dieser Mann die Dummheit der Massen, um ihnen zu ihrem Glück zu verhelfen - gerade dadurch, dass er ihnen einen Gott vorgaukelte.

Das werden die neo-spirituellen Christen diverser Sektenausrichtungen nicht gern hören. Und die konservativen Katholiken erst recht nicht. Wo kämen wir hin, wenn sich der gesamte jahrhundertealte Machtapparat der römisch-katholischen Kirche nicht auf einen unangreifbaren Gott berufen könnte, sondern seine Existenz schmählich einem verletzlichen Menschen verdankte, einem angreifbaren Prometheus! All die historischen Figuren auf einem Papstthron, die sich als Authorität von überirdischen Gnaden wähnten - degradiert zu Erfüllungsgehilfen eines altertümlichen Marketing-Profi mit einem großen, weichfühlenden Herzen! Denn schließlich:

“Er sagte (noch, als er ans Kreuz geschlagen war): `Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.’ Noch in seiner schwersten Stunde bluffte er weiter und rettete gerade durch diese Festigkeit den Gott, den er aus Liebe zu den Menschen erfinden musste.” Jesus - nicht mehr und nicht weniger als ein warmherziger Täuscher! Ein wundervoller Gedanke. - Aus Esther Vilars These über die Person des Jesus lässt sich natürlich eine Frage ableiten: Sind große Teile der Menschheit nicht mittlerweile erwachsen genug, um sich in ihrer Lebensführung nicht mehr auf einen (wie auch immer gearteten) Gott berufen zu müssen? Deshalb ein letztes Zitat aus diesem großartigen Vilar-Buch:

“Wenn es Gott nicht gibt, sagt der große Dichter, dann ist doch alles erlaubt? - Was für ein Irrtum: ohne Gott ist nichts erlaubt, nichts! - Denn ohne Gott gibt es niemanden, der Ihnen verzeihen könnte, Sie müssten bis ans Ende Ihrer Tage in der Hölle Ihres Gewissens leben.”

Vilar hat eine klare Vorstellung davon, was die höchste Liebe ist, und deshalb lässt sie ihre “amerikanische Päpstin” in Richtung Jesus` ausrufen: WAS FÜR EIN MANN !

Intelligenz plus Warmherzigkeit gleich Misserfolg - oder:

Der betörende Glanz der Dummheit

1987 veröffentlichte die scharfsinnige Provokateurin Vilar im Econ-Verlag ihre Polemik über den “betörenden Glanz der Dummheit.” Die Dummheit setzt sie darin mit Phantasielosigkeit gleich. Einige Zitate:

Über die schönen Menschen: “... der Schlüssel zur geringeren Intelligenz außerordentlich schöner Menschen: Sie werden seltener verletzt.”

Über die Soldaten: “Wie soll man es anstellen, dass gerade jene, die auf ihre eigene Freiheit schon am Kasernentor verzichten, dann später die unsere respektieren?”

Über die Liebenden: “Liebeserklärungen sind Kniefälle vor einem höheren Wesen - die bedingungsloseste Form der Kapitulation. Man könnte sie ohne jede sprachliche Korrektur in der Liturgie verwenden.”

Warum wir Götter brauchen und warum wir beten: “Der Glaube an ein allmächtiges Wesen vermag die drei schrecklichsten unserer Ängste zu mildern: die vor der Sinnlosigkeit des Lebens, die vor der Endgültigkeit des Todes, die vor der Freiheit.”

Dummheit ist unglaublich gesund, belegt uns Vilar glaubwürdig. Und das Bedürfnis zu beten - haben nur die Atheisten. - Ein Buch voller Aphorismen und Bonmots, die mit ihrer ungnädigen, schonungslosen Direktheit schneller als Goethes oder Heines Werk in den weltliterarischen Schatz an Lebensweisheiten eingehen werden.

Das Schwinden der Arbeitsplätze ...

kann zu einer neuen Feudalgesellschaft instrumentalisiert werden ...

... oder dem Experiment “Zivilisation” einen Weg bahnen. Vilar geht das Thema Arbeitsmarkt-Politik mit gesundem Menschenverstand an. Wahrscheinlich wurde ihr Buch “Die 25-Stunden-Woche” genau deshalb nicht mehr neu aufgelegt. 1990 konnte sie den Politiker Oskar Lafontaine als Unterstützer für ihre arbeitsmarktpolitischen Vorschläge gewinnen. Dass sie heute noch darauf Wert legen würde, ist mehr als fraglich. Als Bundesfinanzminister stahl sich Lafontaine etliche Jahre später aus der Verantwortung. Heute reichen ihm nicht die steuerfinanzierten Altersbezüge eines ehemaligen saarländischen Ministerpräsidenten. Er - der wie eh und je mit der Aura des “Linken” koketiert - lässt sich ausgerechnet von einem politisch entgegengesetzten Honorargeber namens Springer goutieren: schreibt politische Kommentare aus dem Off - im deutschen Intelligenz-Blatt “Bild-Zeitung”.

Denkverbote

1998: Vilar bricht neue Tabus

Sicher. Esthar Vilar kann die Geister spalten. Sie ist eine Provokateurin aus Leidenschaft und aus bitter-süßer Lebenslust. Karl Popper, der Anti-Dogmatiker schlechthin, er hätte seine helle Freude an ihr gehabt. Dass Vilar eine allenfalls mäßige Romanschriftstellerin ist, tut ihrer Bedeutung für unsere Gesellschaften keinerlei Abbruch. Den hohen Preis der Einsamkeit, den Vilar für ihre warmherzige Offenheit und analytische Klarstellung unserer Lebenssituationen zahlt, werden wir ihr niemals erstatten können.

Rainer Liesenfeld


Esther Vilar: die wichtigsten ihrer Sachbücher:

  • Der dressierte Mann/Das polygame Geschlecht/Das Ende der Dressur, 1971/1974/1977
  • Die Antrittsrede der amerikanischen Päpstin, F.A. Herbig, 1982
  • Der betörende Glanz der Dummheit, 1987, Econ
  • Die 25-Stunden-Woche, Econ, 1990
  • Heiraten ist unmoralisch, Gustav Lübbe Verlag, 1994
  • Manifest gegen die Herrschaft der Jungen, ?,?
  • Denkverbote, Verlagsgruppe Lübbe, 1998
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Esther Vilar

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