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Renaissance von Sport u. Nacktheit: Ringendes Rheinland Rheinisches Raufen. Ringkampf pur. Pure European wrestling. |
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KULTUR / MUSIK / KONZERT
>> Das Trierer Blechbläser-Ensemble “Blechreiz” in Prüm
Besprechung Konzert - 12/2002 Abruf Firstgate Click & Buy: 10 Euro
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Oh Tannenbaum, bläst Jazz durch deine Blätter?
„Blechreiz“ besucht die Basilika zu Prüm
Das Eifelstädtchen Prüm hat eine Jazz-Szene? Tatsächlich! - Doch wie überall dort, wo sich Ideen und Interessen etablieren, lassen
sich die Dinge auf die Initiative und Beharrlichkeit einzelner zurückführen. In Sachen historischer Kultur-Identität kommt in Prüm der Name eines Dr. Franz-Josef Fass in den Sinn. Und dass „der Gedanke Jazz“
aus der Nische des Elitären hineinfindet ins etablierte Kulturleben, dafür sorgt in Prüm Hermann Nahrings. |
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Kulturelle Synergie-Effekte, so muss sich Nahrings gedacht haben, warten in einer Stadt wie Prüm nur darauf, angepackt und genutzt zu
werden. Was zum Beispiel liegt näher, als den Jazz zur Weihnachtszeit in die Kirche zu tragen? Bei Monika Rolef und ihren “Basilika-Freunden” fand er offenes Ohr.
Die im Spätbarock erbaute Sankt-Salvator-Basilika
gehört zu den wenigen Fixpunkten der Stadt. Heimaten verändern sich. Erkennungszeichen bleibt im Ortskern häufig die Kirche. – In Prüm hat sie eine reiche Geschichte. Der historische Kirchengrund führt zurück bis in
eine Zeit, da die Karolinger den Ort mit einer Klostergründung zu einem der kulturellen Strahlzentren des christlichen Europa machten. Mag das Christentum heute ums Überleben kämpfen - die seit dem Mittelalter
errichteten Gotteshäuser verweisen in imposanter Architektur unbeirrt auf das menschliche Bedürfnis nach einer spirituellen Heimat, auf das Bedürfnis nach Geborgenheit.
Weihnachtslied in den Jazz übersetzt
Musikalisch lässt sich diese Geborgenheit
nicht nur im Gregorianischen Choral finden – oder in den Orgelwerken des guten alten Bach. Am 22.12.2002 ließ das Trierer Blechbläser-Sextett „Blechreiz“ im frisch renovierten Basilika-Chor das Messing der Instrumente
blitzen. Da zeigte ein Profi-Ensemble unter Leitung von Helmut „Daisy“ Becker, wie man christliche Weihnachtsmusik in die Gedankenformen des Jazz übersetzt.
Konzertbesucher werden solche Experimente auch
andernorts mit Zustimmung aufnehmen. Denn das ist jenseits der Peinlichkeiten, den uns alljährlich die Stars und Sternchen der Popmusik präsentieren - im Geschäftseifer ihres Weihnachtsmarketing.
Was das
US-amerikanische Liedgut der Schneeflocken-Zeit betrifft: Das ist für manches deutsche Ohr in seiner biedernden Süßlichkeit unerträglich geworden. Daisy Beckers Jazz-Arrangement von „Jingle Bells“ oder „White christmas“
versetzte derlei klanglichen Süßigkeiten den angemessenen ironischen Unterton. Das zwang sogleich wieder zum Hinhören. Da war der Schuss gejazzter Säure, mit dem man basischen Kitsch auf pH 7 puffert.
Ein Hauch von Pankow und Mangelsdorff
Darf man in der Kirche mit
dem Fuß tippen? Blechreizens „Deck the Hall“ verleitete dazu. Ein Ding zum Mitgehen. Fast filmmusikalisch, begann hier etwas deutlich zu werden, was Blechreiz noch viel stärker ausformen sollte: die gute amerikanische
Arrangement- und Phrasierungstechnik im Stil eines James Pankow, des Posaunisten einer viel zu früh verloschenen Jazzrock-Legende namens „Chicago“. Ein voller, saftiger Klang, der den Hörer erfolgreich umwirbt.
„Stille Nacht“ ist für das deutsche Weihnachts-Liedgut ein ebenso inflationär gebrauchtes und damit ausgebranntes Stück wie es für die gesamte Palette der amerikanischen Weihnachts-Schnulzen gilt. Reimund Berg
garantierte mit seinem „Tuba-Gesang“ dafür, dass dieser unschmeichelhafte Sachverhalt nicht übermächtig wurde. Das Instrument anblasen und es gleichzeitig als Schallverstärker der eigenen Gesangsstimme nutzen: eine
Technik, die der Posaunist Albert Mangelsdorff während der frühen Siebziger im deutschen Jazz etablierte. Mangelsdorffs „United Jazz and Rock Ensemble“, hochrangig mit internationalen Jazz-Größen besetzt, gab seinen
letzten Auftritt in 2002. Eine Ära im europäischen Premium-Jazz ging damit zu Ende. Was ohrenscheinlich wird: Einstmals avantgardistische Experimente sind unter Blechbläsern zu akzeptierten Dauerbrennern geworden.
Alberne X-mas: Bitte keinen Disney-Kitsch!
Kleine
Wachsflecke auf der musikalischen Weihnachtsdecke verursachte die Auswahl von Stücken wie „Rudolph Rednose“. Die Anspielung auf des Weihnachtsmanns rotnasiges Schlitten-Ren wirkt auf unbestechliche Geister recht
biedernd gegenüber dem seichten Unterhaltungskino der amerikanischen Massenkultur. Flache, kindlich-aseptische Comic-Konstrukte waren und sind Programm des amerikanischen Disney-Konzerns. Der von Bigotterie
durchdrungene Zeichner Walt Disney, der sich während der Fünfziger Jahre an der pathologischen Kommunisten-Hatz des Senators Joseph McCarthy beteiligte, steht symbolhaft für überflüssige und gesellschaftszerstörende
Amerika-Exporte: killer-pragmatische Geschäftsleute und instrumentalisierbare Konsum-Proletarier. Walt Disney übersetzt sich während der Weihnachtszeit in grellbunt blinkende Leuchten – oder in die klebrige Sorte
Schnee, die nach Zuckerwatte schmeckt anstatt sich aufs Weiß- und Kalt-Sein zu beschränken. Walt Disney steht auch dafür, dass Weihnachten nicht „froh“, sondern „fröhlich“ zu sein habe. Das ist nicht nur emotionale
Übersteuerung, das ist schon emotionale Verblendung. Und da ist es nur ein kleiner Schritt vom Wunsch „Fröhliche Weihnachten!“ bis zum Ausruf „Alberne X-mas!“ Seit Jahrzehnten bescheren uns US-amerikanische
Kultur-Importeure nun eine Clownsfigur mit weißem Bart und in rotem Kostüm. Egal, was man vom Heiligen-Kult der römisch-katholischen Kirche halten mag - wenn ein Heiliger Nikolaus zum Cola-gesponserten Weihnachtsmann
mutiert, ist das nicht nur Beleg einer religiösen, sondern auch einer historischen Verarmung. Das unterscheidet sich nicht von einem rotgewandeten Michael Schumacher, mit Ferrari-Mützchen und diversen Werbestickern zur
Rechtfertigung des eigenen sinnentleerten Handelns. Bei solchen Geschmacksverirrungen sehnt man sich trotzig die historischen Figuren-Bilder des Christentums herbei, wäre dankbar für Zurückhaltung gegenüber
Hollywood-Zitaten - und dankbar für kühltruhengerecht zerlegte Rentiere. |
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Authentische Farben mit dem Pinsel des Jazz
„Maria durch ein Dornwald ging“: Wundervoll, dass Blechreiz die uralten Dinger nicht ignorierte. Wem es da keine heimliche Träne ins Auge
drückte, dem hat man die emotionale Vorstellungswelt getötet. Es gibt Musik, die hat zeitlose Güte. Die ist von unübertrefflicher emotionaler Bildschärfe. Und von authentischen Farben. In Nachtdunkelblau, in
Dornentrostlos und Grau, in erlösend und leuchtend Gelb. Und da spielt es keine Rolle mehr, ob solche musikalischen Bilder traditionell gemalt werden - oder mit den Pinselstrichen des Jazz.
Friedel Hargarten
führte mit Textbeiträgen durchs musikalische Programm. Kein peinliches Abgleiten in die gefühlsduselige Erbaulichkeit, wie sie in der Weihnachtszeit häufig das Gegenextrem zum Fress- und Kauf-Stress des Monats Dezember
bildet. Mit historischen Verknüpfungen, literarischen Zitaten und Erläuterungen zu den Musik-Arrangements fand Hargarten den Ton, der einer Würde sakral geweihter Orte entspricht - ohne falschen Respekt vorm
Traditionellen. Für Blechreiz war experimenteller Boden geebnet.
Ein Dankeschön für geöffnete Pforten!
Prima, dass sich die Sankt-Salvator-Basilika so unbefangen dem Jazz öffnet. Und prima, dass man anderes hört als die seelen-umschleimenden Gospel–Schmonzetten. |
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Erwähnenswert, dass ein hervorragend gestaltetes Werbeplakat dieser Veranstaltung gebührende Aufmerksamkeit verschaffte.
Ein Dank für die Offenheit gegenüber Neuem gebührt dem geistlichen Hausherrn, Pastor Robert Lürtzener. Ein Dank auch allen Organisatoren. Ein Bravo für das Ensemble Blechreiz! Und sei es schon wegen der
souveränen selbstironischen Namensgebung. Einen Brechreiz vermochte Daisy Beckers Ensemble nicht auszulösen. Im Gegenteil: Vor der Kulisse des barocken Hochaltars wurde professioneller musikalischer Genuss
geboten. Gemeinsam mit allen Zuhörern dieses Abends darf ich gespannt sein, wie die kommenden Projekte der Blechreizer anschlagen werden.
© Rainer Liesenfeld, im Dezember 2002 |
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