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KULTUR / GESCHLECHTERKAMPF

>> Hure und Heilige - Über das Wesen der Frau und das Elend der Welt. Im Gespräch mit dem Sozialwissenschaftler Ottmar Lattorf
1. 68 lebt weiter?


Betrachtung - 10/2002

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Mitte der Neuziger Jahre hielt der Sozialwissenschaftler Ottmar Lattorf eine Vortragsreihe, die im Themenschwerpunkt die Hexenverfolgungen des ausgehenden christlichen Mittelalters analysiert. Während dieser Zeit, so Lattorf, wurden aus machtstrategischem Kalkül der Kirche die Grundlagen des heutigen Frauenbildes gelegt - und die Grundlagen für eine freudlose, instrumentalisierte Gesellschaft. Der Wortlaut des Vortrags wurde im Internet veröffentlicht. Hier findet sich auch eine Kritik an Lattorfs Analyse. - Das hier  veröffentlichte Gespräch nimmt Bezug auf diese Fundstellen im Internet.


Weblinks

>> Lattorf: Zur Durchsetzung sexualfeindlicher Moral in Europa

>> konstruktive Kritik von Ingo Diedrich an Ottmar Lattorfs Analyse


Ebenfalls auf pfeilinfo.de:
Gesteuerte Sexualmoral: Kritische Fragen an Ottmar Lattorf


68 lebt weiter?

„Bioenergetik, körperorientierte Therapien, indianische Schwitzhütte, Tantra, freie Schulen, Anti-Globalisierungs-Bewegungen… 1968 lebt doch im Untergrund weiter“. Sagt Ottmar Lattorf. Er ist 42 Jahre, trägt radrunde John-Lennon-Brille und lange Haare. „Ob mein Aussehen programmatischen Charakter hat? Ja, durchaus.“ Der Germanist und Sozialwissenschaftler arbeitet als freier Dozent. Er befasst sich en detail mit Themen der Sozialgeschichte. Auf seinen Namen stieß ich, als ich im Internet über die Lebensweisen der beginnenden Renaissance-Zeit recherchierte. Meine eigentliche Absicht war die Zusammenstellung alter Berufsbilder. Seifensieder und Küfer, Harnischmacher und Lohengerber. Hängen blieb ich - ohne Zweifel aufgrund meines geschlechtsspezifischen Augenmerks - beim „Bademädchen“. Denn zu diesem Stichwort fand sich Bemerkenswertes über eine fast altrömisch anmutende, sinnenfreudige und lustbetonte Badekultur des Mittelalters. Eine Kultur, mit der die katholische Kirche – laut Ottmar Lattorf – zur Zeitenwende ins 16. Jahrhundert gründlich aufräumte.

Lattorfs Überlegung nach hatte die Kirche ihr Dogma der Sinnenfeindlichkeit lange nicht durchsetzen können. Im Lauf des Mittelalters fehlte es ihr noch an Macht über eine unterschwellig „heidnisch“ gebliebene Bevölkerung. Auch ergab sich dringender Zugzwang erst durch einen Bevölkerungsniedergang am Ende des Mittelalters, durch die Wirren der beginnenden Reformation, durch unterschiedlichste Sekten und Heilslehren, die sich vom Papst und der römisch-katholischen Kirche lossagten.

Schluss mit dem Lotterleben: Gut essen, gut trinken, sich wohlfühlen. Mit dem mittelalterlichen Badehaus sind auch die Bademädchen verbunden. Potenzielle Anwärterinnen für den Scheiterhaufen?

Alle, die diesem feudalistischen Ziel entgegen traten, mussten vernichtet werden. Der Teufelkuss, den die Hexenlippen jenem angeblich hörnerbewehrten, von Schwefeldampf umhauchten Wesen auf den Arsch setzten, gilt als subtiler, als verbotener Liebesbeweis der süffigen Sorte. Aus Sicht der Kirche hatte die Symbolhandlung einen erheblichen Nachteil: Sie diente nicht der Reproduktion, sie war in ihrer Symbolik sogar geeignet, dieser Reproduktion zu spotten.

Lattorfs Thesen – so viel sei von vorneherein zugegeben - wirken vielfach übersteuert in den Aussagen, in den Schlussfolgerungen. Zwar möchte ich nicht abstreiten, dass die katholische Inquisition um den denkwürdigen Zeitenwechsel des Jahres 1500 herum plötzlich sehr viel eifriger in ihrer Arbeit wurde – im gesamten Reich der Habsburger, vom Süden Spaniens bis in die nördlichsten deutschen Fürstentümer.

 Und zeitgenössische künstlerische Darstellungen, die vor Lust nur so saften, können als subversiv-verhohlene Reaktion auf die zunehmend rigide Körperfeindlichkeit der Kirche gedeutet werden:

Albrecht Dürer: Adam und Eva.

Lattorfs These: Die Hexenverfolgung der frühen Neuzeit entsprang einem äußerst konkreten bevölkerungspolitischen Kalkül der Machtinstanz Katholische Kirche. Hexen – letztlich waren das kräuterkundige Frauen, die ihr Wissen über Anwendung und Wirkung der Kräuterchemie von Generation zu Generation weitergaben. Eine wesentliche Anwendung solcher Kräuter, die den menschlichen Körper in seiner Physiologie beeinflussten, bestand darin, ungewollte Schwangerschaften zu verhindern. So waren die Hexen gefragte Kenntnisträger natürlicher Verhütungsmethoden. Doch gerade das war ein Wissen, an dessen Verbreitung die katholische Kirche kein Interesse hatte. Ihr, der Kirche, ging es um eine möglichst zahlreiche Produktion von Menschen - um die Produktion eines Heers von Leibeigenen, Untertanen, Arbeitssklaven.

Teufelskuss: Der liebende Kuss auf den Arsch steht in seiner Symbolik ebenso für Gottesleugnung wie für die menschliche Einheit von Emotio und Ratio. Aus christlicher Sicht küsst die “Hexe” den Arsch Luzifers. Dessen Gestalt verkehrte die Kirche aus dem sinnenfreudigen Gott Pan in die Negativ-Figur schlechthin.

 Als erster wagte sich Sandro Botticelli vor. Da Vinci, Michelangelo und Dürer folgten – immer mit dem Vorwand, man verwende die klassisch-hellenistischen Formen nur, um das Wesentliche, nämlich den christlichen Inhalt, zu transportieren. Hieronymus Bosch prangert die Sünden von Sodom und Gomorrha an. Er beweist eine verdächtig ausführliche Phantasie dessen, was menschliche Lust so alles begehren könnte. Die Freude des Menschen an seiner Körperlichkeit brach sich möglicherweise gerade als Protest an der zunehmenden Beschneidung dieser Körperlichkeit eine Bahn.

Dennoch: Diese Interpretationen bleiben spekulativ. Kritiker an Lattorfs These wenden ein, er lasse die Entdeckung der „Neuen Welt“ Amerika völlig außerhalb seiner Betrachtungen. Mit der Neuen Welt seien aber auch neue Krankheiten ins alte Europa eingeschifft worden.

Es sei durchaus denkbar, dass zu den damaligen „Klassikern“ Pest und Lepra etliches hinzukam, das ebenfalls Siechtum und Tod im Gepäck barg. So könnten Geschlechtskrankheiten wie die Syphilis recht wahrscheinlich aus der Neuen Welt nach Europa importiert worden sein. Und auch daraus hätte sich bevölkerungspolitischer Handlungsbedarf ergeben, nämlich die Stigmatisierung der freien Sexualität. Eine Stigmatisierung, wie sie auch im späten 20. Jahrhundert - nach der Ausbreitung des HIV-Virus - von etlichen konservativen Politikern in despektierlichem Ausmaß gefordert wurde. Grundsätzlicher Handlungsbedarf ergibt sich für das gemutmaßte Szenario des 16. Jahrhunderts ebenso wie für das faktische Szenario des 20. Jahrhunderts. Das konkrete Ausgestalten des notwendigen Handelns - erst die zweite Frage.

Eine weitere Kritik an Lattorfs politischen Darlegungen zur steuernden Bevölkerungspolitik der Kirche stammt von jemandem namens Ingo Diedrich. Diedrichs Kritik ist ebenfalls im Internet nachzulesen. Er fühlte sich offenbar ebenso wie ich vom Lattorfs Theorie inspiriert – und er formuliert (neben viel Zustimmung) die Kritik, Lattorf romantifiziere hemmungslos. Einer nach außen geschlossen auftretenden, düster-strategisch handelnden Kirche stelle Lattorf das Lichtbild der „guten, weisen und wohlmeinenden Kräuterfrauen“ gegenüber. Ich stimme Diedrich zu: Das ist ebenso realitätsfern wie die Teilung der Welt in Weiß gegen Schwarz, in Robin Hood gegen Sheriff von Nottingham, in Che Guevara gegen den CIA. Lattorf wird mit seinen Thesen einem modischen Zeitgeist gerecht, der nach spiritueller Geborgenheit in gotischer Historie forscht. Zwar stimmt es, dass es fest gefügte Feudalstrukturen während des frühen Mittelalters nur eingeschränkt gab. Etwa das Absinken des Bauernstands in die Leibeigenschaft setzte sich (nach Hans-Werner Goetz, Leben im Mittelalter, C.G.Beck-Verlag, München, 1994) erst während der Hoch- und Spätgotik vollends durch. Und auch der während der Spätgotik reichlich übertriebene Marienkult der hehren Jungfrauengeburt muss nicht zwangsläufig aus einer biologistischen Verherrlichung der Reproduktion rühren. Ebenso gut, sogar noch besser, ließe sich aus dem Marienkult ein großes Unbehagen an einer „Gebärsucht der Weiber“ interpretieren, vielleicht sogar der Wunsch, die Sexualität der Frau könne ebenso wie die Sexualität des Mannes auf Glück bringende Wollust gerichtet sein – und gerade nicht im plump-biologischen Sehnen um eigenen Nachwuchs ihre Erschöpfung finden.

Als fragwürdig empfinde ich auch Lattorfs feministischen Hinterbau. Er verherrlicht „die Frau“ als eine für den Mann friedbringende Instanz. Das propagierten bereits die Kampf-Emanzen der 1980-er Jahre. Als Darwinist erkennt man jeden Tag das Gegenteil: Nicht „der Mann an sich“ birgt das kriegerische und zerstörerische Element. Er wird erst durch die Frau in die entsprechende Situation versetzt. Denn er sieht sich - als Objekt – einer von Frauen betriebenen Selektion ausgesetzt.  Für das Ausleben seiner Sexualität zahlt jeder Mann einen hohen Preis, betreibt gar einen Aufwand, der für einen unbefangenen, etwa extraterrestrischen Beobachter des Geschehens abstrus anmuten müsste. Woher stammt das Verlangen, einen Mercedes statt einen Golf zu fahren, einen Sportwagen statt einer Ente? Ein behäbiges Villengebäude zu errichten anstatt ein flexibles Zelt? Größer, schneller, weiter, besser.

Hexensabbat: das freie Weib - um den Preis des gefangenen Mannes?

Ohne diesen Selektionsdruck gäbe es keine Volkswirtschaften, die dem heutigen Selbstverständnis von Marktmechanismen gerecht werden könnten. Ohne diesen Selektionsdruck gäbe es keine Männer, die trotz ihrer Intelligenz, ihrer Schnelligkeit und Handlungsfähigkeit unglücklich bis in den Tod sind. Es gäbe Männer, die sich „Blödsein“ erlauben dürften – kurzum: Männer, die glücklich wären. – Solche Worte wurden – besser, treffender, verletzender – von der Schriftstellerin Esther Vilar formuliert. Vilar bevorzugt den soziologischen Denkansatz, beschreibt dabei aber  recht genau Darwins Theorem der Sexuellen Zuchtwahl. Seit Sir Karl Popper lässt sich nun selbst der allmächtig scheinende Charles Robert Darwin widerlegen. Darwin war ein guter Beobachter und vermochte scharfsinnige Schlüsse zu ziehen. Allerdings ist er nicht die Gottes-Instanz, als die ihn die orthodoxen Naturwissenschaften bis heute gerne verkaufen. Er ist genauso wenig Gottesinstanz wie jene weißbärtige Figur, die von der christlichen Sekte im altrömischen Reich verehrt und über einen beachtlichen Zeitraum von über 2000 Jahren propagiert wurde. Den „allmächtigen Gott“ der Christen ließ man etwas formulieren: „Ich bin die Ursache der Welt.“ Jene quasi mathematische Modellvorstellung zur Entlastung von der menschlichen Bürde eigener Verantwortung habe höchstselbst die Natur erschaffen. Der „biologische Gott“ der Naturwissenschaftler schrieb anno 1871 immerhin höchstselbst seine Schlussfolgerungen über das Wesen und Funktionsprinzip der Natur nieder.

Richten wir uns nach dem Philosophen Baruch de Spinoza, dann sind die Begriffe „Gott“ und „Natur“ deckungsgleich zu verwenden. Da darf man mit Jean-Paul Sartre fragen: Wer zwingt uns denn, aus einem natürlichen Ist-Zustand einen zivilisatorischen Soll-Zustand abzuleiten? – Niemand zwingt uns! Selbst die Konservativsten aus der Gilde der Naturwissenschaftler geben es zu: Die Natur ist besinnungslos. Biologie funktioniert nach dem Prinzip Try and Error. Was heute das Leben ermöglicht, sichert morgen den Tod. Der Pfau spreizt solang seine Federpracht vor den Hennen, bis er dem Adler appetitlich erscheint. - Philanthropische Pragmatiker leiten Handlungsanweisungen ab: Erstens: Verherrliche nicht die Natur. Zweitens: Lenke ihre zeitlich beschränkt gültigen Erfolgsprinzipien in solcherlei Bahnen, die denkenden Wesen das Phänomen namens Glück verschaffen.

Dieses Phänomen scheint auch Ottmar Lattorf am Herzen zu liegen. Ob er selbst mit seinen Theorien richtig liegt, sei dahingestellt. Zunächst einmal ist es einfach spannend, sich auf Lattorfs Gedankengebäude einzulassen. Die historische Perfidie der katholischen Kirche bleibt bis in die heutige Zeit unsympathisch genug, dem religiösen Verweis auf ein geglaubtes Paradies das prometheische Gegenbild irdischen Menschenglücks entgegenzusetzen. Das taten bereits Menschen mit bestem Leumund: Giordano Bruno (um 1600 von der katholischen Kirche verbrannt), Baruch de Spinoza (überlebte die katholische Kirche nur wegen seines Wohnsitzes in den vergleichsweise liberalen Niederlanden - und vor den Oraniern geschützt durch das Patrizierhaus de Witt). Doch nicht nur Philosophen, auch Herrscher und Heerführer unternahmen Sinnvolles gegen die Firma mit Hauptsitz in Rom: Joseph II. von Habsburg im 18. Jahrhundert. Napoleon I., der dem Gedanken-Hinterbau der Französischen Revolution sogar in einem hoffnungslos scheinenden Gebilde wie Deutschland einen stillen kleinen Platz verschaffen konnte: Wissen gegen Glauben, Leben anstatt Verlebt werden. Formen anstatt verformt zu werden, Handeln anstatt sich misshandeln zu lassen. Die Biologie zivilisiert nutzen, anstatt sich in die Rolle des willfährigen Idioten einer besinnungslosen Natur zu fügen. Der freie menschliche Wille existiert nicht. Sagten Bruno und Spinoza. Das ist der beste Grund, ihn zu erfinden. Ergänzte Sartre.

So was kann man ein „philosophisches Bekenntnis“ nennen. Ottmar Lattorfs Bekenntnis ist ein anderes. Mich interessierte, was in dem Kerl vorgeht. Sein Vortrag / Artikel war süffig genug, meine Neugierde zu entfachen. Folgend ein Gespräch, das ich im Oktober 2002 mit Ottmar Lattorf führte


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Gesteuerte Sexualmoral: Kritische Fragen an Ottmar Lattorf
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